Führung in der Staatsgalerie Stuttgart durch Kunsthistorikerin Monika Will

Thema: „Trugbild, Täuschung, Illusion – wie Künstler tricksen und täuschen“

„Die Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit erkennen lässt.“ Mit diesem, zu unserem Thema passenden Zitat von Pablo Picasso aus dem Jahr 1923 beendete Frau Will die beiden Führungen für die in zwei Gruppen eingeteilten 41 Pensionärinnen und Pensionäre am 23.09.2026.

Tatsächlich blickt ein Betrachter z. B. eines Gemäldes auf eine künstliche Welt, die man als „Lüge“ bezeichnen kann. Der Künstler muss es verstehen, dem Betrachter seine Bilder von der Wahrhaftigkeit seiner künstlerischen Verfremdung („Lüge“) zu überzeugen.

Zu Beginn erfuhren die Teilnehmenden, dass insbesondere im Altertum die reale Darstellung von Objekten eine Rolle spielte. Als Beispiel nannte sie den angeblichen Malwettstreit (eine Legende) zwischen Zeuxis und Parrhasius im Jahre 397 v. Chr., bei dem Zeuxis so naturgetreu Trauben malte, dass Vögel herbeiflogen um sie aufzupicken. Parrhasius aber malte einen leinenen Vorhang so echt, dass Zeuxis ihn aufschieben wollte, um ein angeblich dahinter liegendes Gemälde von Parrhasius anzuschauen. Parrhasius hatte den Wettstreit gewonnen, weil Zeuxis lediglich Vögel getäuscht hatte, er aber Menschen.

Im Gegensatz dazu ging es im Christentum nicht um die reale Darstellung, sondern um Inhalte, also Botschaften, die man dem Betrachter vermitteln wollte. Dies erklärte Frau Will anhand des „Kilchberger Altars“ von B. Zeitblom (1494) mit dem „schwebenden Johannes mit Lamm“ auf dem aufgeklappten Seitenflügel.

An neun Gemälden aus der Sammlung der Staatsgalerie zeigte sie, wie die Maler den Betrachter bewusst täuschen. Sie nutzen visuelle Tricks, um unser Gehirn zu beeinflussen. So gelingt es z.B. zweidimensionale Flächen dreidimensional wirken zu lassen, bei statischen Objekten Bewegung oder durch gewählte Perspektiven und unterschiedlichen Größen sowie mit der Farbgestaltung Tiefenräumlichkeit vorzutäuschen.

Ein Beispiel dieser Täuschung ist das Bild „Stillleben mit Nautiluspokal und Hummer“ von Jan Davidsz. de Heem (1634). Perlmuttschimmer, entstanden durch übereinander-gelegte Farbschichten, gaukelt dem Betrachter eine Tiefe vor, die auf dem Malgrund nicht existiert. Oder die Reflexionen und Spiegelungen auf den Gegenständen, die einen dreidimensionalen Raum vortäuschen. Die über den Rand des Nautiluspokals hängende Zitronenschale verstärkt noch diesen Eindruck.

Weitere Beispiele für Trugbilder, Täuschungen und Illusionen mit der perspektivischen Darstellung und räumlichen Tiefe, bei dem alles wie mit dem Lineal gezogen in einem Fluchtpunkt endet, sind „Die Allee“ von Jan van Kessel (1670), „Innenansicht der Oude Kerk in Amsterdam“ von Emanuel de Witte (1860) sowie „Das Gewächshaus“ von Auguste Renoir (1876) mit dem Weg in die Tiefe.

Bereits Mitte des 16. Jahrhunderts hat man verstanden, wie man z.B. durch blasseren oder bläulichen Hintergrund Tiefenräumlichkeit schaffen kann („Der Einzug Christi in Jerusalem“ von Jan van Amstel um 1540).

Bei dem Bild von Claude Monet „Das Meer bei Fècamp“ (1881) mit kurzen, dicken Strichen, einer Farbmischung aus Blau, Gelb und Weiß, mit ineinanderfließenden Formen und mit Unschärfen entsteht im Gehirn des Betrachters anscheinend Bewegung.

Ähnlich im Gemälde “Der Gärtner“ von C. Pissarro (1899). Unzählige kurze Pinselstriche und Farbtupfer, leicht vorgebeugter Körper und der Lichtsaum um ihn herum suggerieren dem Betrachter, der mit der Zusammensetzung der vielen Pinselstriche und Punkte beschäftigt ist, langsame Bewegung an einem heißen Sommertag.

Pablo Picasso geht mit dem Bild „Violine-Jolie Eva“ (1912) einen neuen Weg. Die Bewegung findet quasi im Künstler statt. Er geht praktisch um das Objekt und zeigt die Violine aus verschiedenen Blickwinkeln.

Mit anfangs genanntem Zitat von Pablo Picasso beendete Frau Will die beiden Führungen, die wieder voll bespickt mit vielen Erläuterungen und Hintergrundinformationen zu den Künstlern und ihren Gemälden unseren Wissenshorizont bezüglich der Kunst deutlich erweitert haben.

Ganz herzlichen Dank an Frau Will und wir dürfen uns jetzt schon auf das nächste Jahr mit weiteren Führungen mit ihr mit den Themen „Was will, was kann Kunst“ und „Warum geht man ins Museum“ freuen.